Interview mit Peter Spilles

Uns ist es gelungen, mit PETER SPILLES ein Interview zu führen. Hierbei ging es nicht nur um die vielfältigen Aktivitäten des Hamburger Musikers, sondern auch um die eine oder andere gesellschaftspolitische Frage. Doch lest selbst:

– Derzeit arbeitest Du neben Project Pitchfork an zwei anderen Projekten. Sie heißen „IMATEM“ sowie „MINIMAL TERROR“. Vom ersten gibt es bereits auf dem aktuellen Darkflower-Sampler einen Song zu hören, mit dem zweiten gehst Du bald auf Orkus-Festival-Club-Tour. Wann und in welcher Form können wir mit Album-Veröffentlichungen rechnen?
– „IMATEM“ ist zunächst (seit dem 12.02.07) in unserem downloadshop erhältlich.
es ist für die zukunft aber auch eine veröffentlichung als cd mit erweitertem booklet geplant. auf diesem weg unterstützen und ermöglichen die „legalen downloader“ eine cd veröffentlichung, da niemand anderes beteiligt ist, und sich der erwerb des downloads direkt vom künstler zu dir vollzieht.
die „MINIMAL TERROR“-cd „ÜBERZAHL“ wird es höchstwahrscheinlich auf der kommenden orkus club tour geben. eine „myspace“ seite mit tollen songs nimmt in kürze ihren betrieb auf. ;)

 

– Die beiden Projekte wurden mitunter auch als Soloprojekte bezeichnet. Nun gibt es ja gerade bei „Im Atem“ einige bekannte Gastmusiker (wie z. B. den Grafen oder auch Anke Hachfeld). Die Songs selbst stammen aber allesamt aus Deiner Feder oder wurde auch da zusammen gearbeitet?
– zum ersten teil deiner frage: ich würde meine musikalischen projekte lediglich „projekte“ nennen, denn ganz allein und „solo“ geht in dieser welt schon mal gar nichts.;)
die songs stammen alle aus meiner feder, wie du so schön sagtest. die texte und deren melodien stammen vom jeweiligen gastmusiker. und wenn ich den mund aufmache dann kommt’s von mir.
die zusammenarbeit zeichnete sich durch einen beiderseitigen freiraum aus. ich gab ihnen ein oder zwei stücke in instrumentaler roh-version zur auswahl und sie durften darin gesanglich anstellen was sie wollten. dann bekam ich den freiraum die songs mit ihren stimmen so zu verschmelzen wie ich es für harmonisch empfand. diese art des zusammenarbeitens war sehr reizvoll und ich werde sie in zukünftigen „IMATEM“-songs auch mit anderen gastmusikern fortsetzen wollen.

– Nachdem Du bei nahezu allen Veranstaltungen der letzten Jahre in einer Headliner-Position aufgetreten bist, wird sich das im März bei der dritten Orkus-Tour mit dem Projekt „MINIMAL TERROR“ ändern. Reizt Dich auch ein wenig dieses Abenteuer, in der „Newcomer“-Position aufzutreten oder ist der Zeitpunkt eines Konzertauftritts eher nebensächlich?
– das kommt darauf an aus welcher richtung man diese frage beleuchtet.
die erste position auf einem festival ist für eine band in der regel nicht die beliebteste, aber sie ist wichtig für den gesamten konzertabend, denn irgendwer muss ja anfangen. in unserem fall reizt es uns tatsächlich den sprichwörtlichen kessel zum kochen zu bringen, oder ihn wenigstens „anzuwärmen“.
ein anderer aspekt ist der finanzielle aufwand einer tour, der in der „starter“-position nicht völlig, oder auch gar nicht, durch eine gage gedeckt ist. wenn man seine prioritäten aber auf die möglichkeit konzentriert durch ein festival bekannter zu werden, dann ist der aufwand gerechtfertigt. es ist immer noch besser bei einem live auftritt gesehen und gehört zu werden, als nicht gesehen und nicht gehört zu werden. da ich mit project:pitchfork in den jahren sämtliche festival-positionen durchgespielt habe, reizt es mich von einem extrem in’s andere extrem zu wechseln. leben ist bewegung. ;)

– Mit dem schon erwähnten Projekt „IMATEM“ wirst Du beim Amphi-Festival in Köln auftreten. Da wäre es natürlich sehr schön, wenn ihm am nächsten Tag ein Pitchfork-Auftritt folgen würde. Ist das wahrscheinlich oder eher eine Wunschvorstellung?
– das sieht zum gegenwärtigen zeitpunkt eher nach einer wunschvorstellung aus und ist äußerst unwahrscheinlich. ich finde ja man sollte die häufigkeit der zusammenarbeit auf ein erträgliches maß „spilles“ begrenzen. ich bin ja weiß gott nicht „everybody’s darling“. ;)

– Du bist auch ein gefragter DJ in verschiedenen Clubs der Republik. Was hat Dich an dieser Aufgabe besonders gereizt, neben der Tätigkeit an sich?
– zunächst einmal reizt mich der dadurch entstehende kontakt mit der szene aus anderen städten als hamburg. ein abend lang den dj zu spielen ist natürlich auch eine gute möglichkeit eigenes, unbekanntes material im feldversuch zu erproben. geradezu teuflisch ist die damit verbundene macht, vielen menschen das wochenende mal so richtig zu versauen…, ich bemühe mich aber oft, einen mittelweg zu finden. das klappt in den meisten städten gut, in anderen wiederum nicht so gut.(„hallo hannover“ ;))

– Bleibt bei all den Aktivitäten noch Zeit für ein neues Pitchfork-Album, und wenn ja, ist es gar noch in diesem Jahr zu erwarten?
– ich habe gerade gestern mit jürgen und dirk die bremsen am project:pitchfork-wagen losgetreten…, da wird euch dieses jahr wohl etwas überrollen, wenn ihr nicht aufpasst. es kommt direkt auf euch zu.:)

– In jedem Jahr gibt es aufs Neue eine Online-Umfrage, welche Band auf dem Wave-Gotik-Treffen in Leipzig spielen soll und jedes mal wird der Name Project Pitchfork von sehr vielen Usern angekreuzt. Nur leider gibt es dennoch keine Einladung, und an Euch wird es ja mit Sicherheit nicht liegen, oder?
– seit sieben jahren würden wir gerne wieder beim wgt auftreten und es liegt jedes jahr an uns, dass wir dort nicht spielen, denn wir verweigern die zusage aufgrund einer vom veranstalter geforderten setliste, die uns untersagt, diese frei zu gestalten. da wir uns unserer verantwortung gegenüber der szene und anderer bands bewusst sind, wollen wir mit unserer alljährlichen absage vermeiden, dass die band project:pitchfork, als argument gegenüber kleineren bands benutzt wird, um eine generelle setlisten-gestaltung durch den veranstalter plausibel zu machen.
nebenbei bemerkt bedeutet diese art der einflussnahme seitens eines veranstalters zensur. gerade auch weil wir dem originärem veranstalter die ursprüngliche idee eines jährlich stattfindenden treffens der europäischen gothic-szene in der stadt leipzig sozusagen einhauchten, wäre ein einverständnis mit einer derart drastischen forderung eine perversion der eigenen wünsche. wir wollen mit project:pitchfork nicht schuld daran sein, dass zukünftige bands es als normal betrachten, wenn ihnen beim wgt eine setliste diktiert wird.

– In Deinen Texten bist Du immer wieder auf die Verantwortung jedes Einzelnen eingegangen; ein Thema, das wohl immer aktuell bleibt. In vielen virtuellen Erlebniswelten kann man sehen, wie Welt- und damit Verantwortungsflucht Hand in Hand gehen.
– der mensch und sein spieltrieb sind „dicke freunde“.;) da in der realen welt das spielerische verhalten und das damit empfundene glück, eine untergeordnete rolle spielt, ist die von dir angesprochene „verantwortungsflucht“ im zusammenhang mit „virtuellen erlebniswelten“ wie dem internet und konsolenspielen, eine logisch und emotional nachvollziehbare reaktion auf die empfundene „beschneidung des glücks“ durch äußere zwänge.

– Ein anderes Phänomen sind Protestaktionen, die von gemieteten Leuten ausgeübt werden, was den eigentlichen Gedanken ziemlich untergräbt. Siehst du aber auch positive Beispiele für verantwortungsvolles Verhalten und wenn ja, wo wäre das?
– ich treffe andere menschen im zug. ich treffe andere menschen im bio-markt, ich sehe auch andere menschen „fair-trade“-produkte kaufen,… und nicht nur dieses interview wurde mit hilfe von öko-strom beantwortet.

– Momentan diskutiert man in Deutschland über eine Freilassung der letzten RAF-Terroristen. Sollte der Staat Milde an seinen ehemaligen Gegnern üben und damit Menschlichkeit demonstrieren oder wäre das ein Fehler?
– zuerst möchte ich klarstellen, dass ich jede form von gewalt zur lösung eines problems ablehne. die reife eines staates zeigt sich nicht zuletzt in der milde gegenüber seinen ehemaligen gegnern. natürlich kann das ein fehler sein, aber wir tragen als volk weitaus höhere risiken mit, ohne groß darüber nachzudenken…, ist das nicht auch ein fehler?

– Bei Spiegel-Online gibt es eine Serie, wo u. a. Wissenschaftler ihre Vermutungen über das Leben im Jahre 2067 niederschreiben. Wie sieht Dein Blick in die Zukunft aus?
– ungefähr so: wenn genug menschen „aufgewacht“ sind und ihr eigenes verhalten und nicht-verhalten in der gemeinschaft reflektiert sehen, dann werden sie ihre einzel-entscheidungen verstärkt und ohne zwang von selbst in eine „bessere“ richtung lenken. diese bewegung wird eine gegenbewegung erzeugen, die darauf abzielt den einzelnen in einer art duldungsstarre zu halten. demnach und in verbindung mit der von dir genannten verantworrtungsflucht, wird sich ein neues gleichgewicht finden. ähnlich dem heutigen, aber höchstwahrscheinlich mit einem stärkeren miteinander und einer besseren umweltverträglichkeit.
abgesehen davon, meine ich, werden wir uns nach den zeiten sehnen in denen z.b. ein sturm lediglich ein sturm war und keine katastrophe. diese antwort ist zwar sehr allgemein gehalten, aber es gäbe unendliche bereiche des lebens auf die man sich zur beantwortung dieser frage konzentrieren könnte. ich selbst werde im jahre 2067 wohl im totalen einklang mit der natur die blumen düngen, …jedenfalls der körperliche teil meiner existenz…, die anderen teile verwehren mir, ebenfalls naturbedingt, einen einblick in ihre zukunftspläne…, obwohl ich ahne, dass etwas zeitliches wie „zukunft“ keine große rolle spielt.

Wir danken Dir und senden die besten Grüße nach Hamburg.
ich habe ebenfalls zu danken.
p.

(Die Fragen stellte Frank Buttenbender für opus-ultimum.de)

www.pitchfork.de

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