Konzertbericht: Eye vs. Spy in New York City (mit Skinny Puppy, Front Line Assembly, Haujobb, Youth Code)

Manche Konzertlineups sind einfach zu reizvoll, um sie zu ignorieren. Selbst, wenn man dafür nach New York reisen muss. Mit Skinny Puppy, Front Line Assembly, Haujobb und Youth Code kam es nahezu zu einem Gipfeltreffen des Electro-Industrial-Genres direkt am Time Square in New York. Eye vs. Spy wurde dann auch genau das Spektakel, das man sich insgeheim erträumt hatte.

Das Best Buy Theater ist eine großzügige Arena mit bestuhltem Rang und Galeriebereich sowie einer Tanzfläche vor der Bühne. Die Einrichtung wirkt gediegen, ganz anders als die abgewrackten Industriehallen, in denen solche Acts meist zu erleben sind. Gleich zum Start gibt es mit Youth Code einen phänomenalen Auftritt. Das Duo besteht aus Ryan am Keyboard und Sara im Mikro. Vor allem Sara rockte die Bühne in einer Weise, in der ich das wirklich selten zuvor erlebt habe. Musikalisch bewegt sich das Duo zwischen hartem EBM bis hin zu derben Punkanleihen, eine bezwingende Mischung. Schade, dass nach wenigen Songs schon Schluss war und Männern aus Leipzig Platz gemacht wurde. Daniel Myer ist im Grunde immer dabei, egal, welches Ereignis man im anspruchsvollen Electro besucht. Dieses Mal mit Haujobb agierend machten er und seine beiden Mitstreiter einen mehr als ordentlichen Job und bewiesen Selbstironie, als die Technik ein wenig herumzickte. Gegen Ende sprang Daniel Myer sogar in den Graben, um seinen lautstarken Fans näher zu sein.

Ein wie immer gut aufgelegter Bill Leeb macht mit den 8 nächsten Songs klar, um wieviel besser seine Band Front Line Assembly zu diesem Abend passen sollte und keiner wirklich die ursprünglich gelisteten VNV Nation vermissen würde. Faszinierende Songs wie „Millennium“, „Prophecy“ oder auch das neuere „Blood“ bewiesen den immensen Stellenwert, die das Projekt aus Vancouver noch immer besitzt. Schön war außerdem, dass der alte Weggefährte Rhys Fulber den Weg zurück geschafft hat (ob nur für diese Tour, bleibt abzuwarten). Nachdem bei den vorhergehenden Bands ein wenig spartanisch mit dem Bühnenlicht umgegangen wurde, kam nun ein wenig mehr Atmosphäre auf. Der dichte Nebel passte prima zu den gewaltigen Klangteppichen, die FLA so berühmt gemacht haben. Besonders eindrucksvoll einmal mehr der Trommelwirbel aller Beteiligten beim Song „Plasticity“.

Da sich Skinny Puppy im Gegensatz zu FLA in Europa seit Jahren rar machen, konnte es eigentlich gar keinen Zweifel geben, dass man dann eben einfach mal an einem Amerika-Termin teilnimmt. Und wer einmal an einem Konzert dieser Band von cEvin Key und Nivek Ogre beigewohnt hat, weiß auch, dass sich jede Flugmeile dafür lohnt. Bei Skinny Puppy kommt einfach beides zusammen. Herausragende Songs, die von Kraft, thematischem Zeitbezug und gespenstiger Atmosphäre nur so strotzen sowie ein ausgeklügeltes Showkonzept, das den Rahmen eines typischen Rockkonzerts problemlos sprengt. Thematischer Schwerpunkt war Fukushima. Bereits in der Aufbauphase war ein Mensch im weißen Schutzanzug omnipräsent und auch während der Show selbst tauchte er immer situativ ins Geschehen ein. Noch ein zweiter Störenfried schien es sich vorgenommen zu haben, Sänger Nivek Ogre an seiner Arbeit zu hindern und verwickelte ihn in allerlei schwierige Situationen. Dieser jedoch vollzog souverän jede Phase des Konzerts und vermochte bei all den theatralischen Szenen, die von Kostümwechseln begleitet wurden, eine unglaubliche Präsenz gegenüber dem Publikum zu zeigen. Das Publikum wurde förmlich in die Szenerie hineingesogen, ein distanziertes Betrachten schien unmöglich. Was auch an dem fantastischen Licht/Projektionkonzept liegen mochte. Und nicht zuletzt natürlich an der klangstarken Präsentation der Songs aus 3 Jahrzehnten Bandhistorie. Der Auftritt war ein alle Sinne überwältigendes Ereignis, das man auch Europäern mal wieder wünschen würde.

Bericht + Foto: Frank Buttenbender
Setlist von Skinny Puppy
Weitere Fotos des Abends befinden sich in unserer Galerie

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