Rezension: ohGr – Undeveloped

Eigentlich hatten alle Freunde nordamerikanischer Industrialmusik eher mit dem überfälligen Skinny Puppy Album gerechnet, das immer wieder mal angekündigt und dann doch verschoben wurde (es soll wohl endgültig im September erscheinen), nun aber kommt ihm ein Projekt aus gewissermaßen eigenem Hause zuvor. ohGr veröffentlichen im Mai mit „Undeveloped“ ihr mittlerweile viertes Album.

Mit jedem Album wuchs die Bedeutung dieses Projektes, bereits der sehr düstere Vorgänger „Devils in my Details“ war in seinem Jahrgang konkurrenzlos. Die Düsternis ist nun auch „Undeveloped“ zu Eigen, hinzugekommen ist aber eine spürbare Erhöhung der Schlagkraft. Das Album entfaltet bei Songs wie „101“, „Crash“ und ganz besonders bei „Pissage“ eine phänomenal brachiale Dynamik, die erfreulicher Weise nicht zu Lasten der Musikalität geht. Neben der gewachsenen Kraft ist das auf Vielfacht bedachte Songwriting ein klarer Pluspunkt. Songs wie „Come Down“ würden auch am Piano ganz hervorragend klingen. Neben „Pissage“ sind das melodiöse „Hollow“ und das durch die letztjährige Vorabveröffentlichung schon bekannte „Tragek“ weiterere Höhepunkte des Albums. Industrial-Puristen müssen allerdings auch nicht auf experimentellere oder sperrigere Stücke verzichten, Beweise sind dafür bei „Typer“ oder „Animist“ zu finden. Wer übrigens lange genug wartet, erlebt am Ende des Werks noch eine nicht minder großartige Zugabe … 

Wie schon beim Vorgänger ist das Album ein durch Übergänge und Intros verknüpftes Gesamtkunstwerk. Das Duo aus Kevin („Nivek Ogre“) Ogilvie und Mark Walk wurde erneut von Mixer Ken „Hiwatt“ Marshall unterstützt. Die drei haben auch soundtechnisch aus dem vollen geschöpft, was natürlich vor allem den dynamischeren Passagen zu Gute kommt.

Spätestens mit diesem Werk müssen sich ohGr vor keinem Konkurrenten mehr verstecken oder als bloßes Seitenprojekt abwerten lassen; was die Mixtur aus wütender Kraftentfaltung, innovativer Ideenvielfalt und soundtechnischer Raffinesse betrifft, gibt es nicht viele Werke, die „Undeveloped“ das Wasser reichen können.

Rezension: Frank Buttenbender (Erstveröffentlichung: Mai 2011)

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